Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb
Protest gegen den von Ehg. Matthias veranlassten, vorzeitigen Abbruch der Belagerung Grans. Bitte um neue und bessere Bestallung sowie um gesicherte Besoldung. An die Reichsstände und an den Ks.
Schreiben und Supplikation an die Reichsstände (Feldlager vor Gran, 8. 7. 1594; der Mainzer Kanzlei übergeben am 21. 7.)1, unterzeichnet von den Obersten, Leutnanten und Rittmeistern der im Feldlager vor Gran liegenden deutschen Reiter; mit 4 Belegdokumenten (vgl. unten mit Einzelnachweisen): Erfahren, dass dem Ks. die derzeitige Kriegssituation sowie die am 28. 6. erfolgte ‚Veränderung‘ des Feldlagers vor Gran zu erkennen gegeben worden sind. Sie wollen den Reichsständen ihre diesbezügliche Stellungnahme und den dagegen eingelegten Protest gemäß den Beilagen vorbringen. Auch die Aussagen gefangen genommener Türken belegen, dass eine fortgesetzte Belagerung die Eroberung Grans ermöglicht hätte. Bitten zum einen, den Misserfolg vor Gran nicht ihnen zuzumessen, und zum anderen um Beförderung beim Ks., eine neue Bestallung auszufertigen, mit der die deutschen Reiter besser besoldet und, wie mit den ksl. Kriegsräten und Mustermeistern verhandelt worden ist, anderen gleichgestellt werden, sowie darum, für den Vollzug der Beschlüsse des RT im Hinblick auf die gesicherte Bezahlung der Söldner zu sorgen. Andernfalls wird aufgrund des Geld- und Proviantmangels kein deutscher Söldner in Ungarn verbleiben.
Beilage [1]: Supplikation der Obersten und Befehlshaber des deutschen Reiterkontingents vor Gran an den Ks. (Feldlager vor Gran, 8. 7. 1594)2, unterzeichnet von Hg. Franz II. von Sachsen-Lauenburg, Hg. August I. von Braunschweig-Lüneburg und Wigand Maltzan als Oberste mit den untergeordneten Leutnanten, Rittmeistern und Befehlshabern über die 4000 deutschen Reiter: Haben sich gemäß ksl. Bestallung3auf 3 Monate mit der Zusage der ksl. Kriegsräte verpflichtet, dabei anderen deutschen Reitern gleichgestellt zu werden. Doch zeigt sich, dass sie und ihre Reiter auf der Grundlage dieser Bestallung nicht über die 3 Monate hinaus dienen können. Haben dies den ksl. Kriegsräten, den Mustermeistern des Reichspfennigmeisters und im Feldlager Ehg. Matthias als Generaloberst und dessen Kriegsräten in ihren Gravamina verdeutlicht. Da sie bisher weder zu den Gravamina eine Resolution erhalten noch erfahren haben, ob sie nach Ablauf der 3 Monate eine neue Bestallung oder ihre Abdankung zu erwarten haben, ihnen aber nicht möglich ist, mit der vorherigen Bestallung sowie wegen der ausbleibenden Besoldung und der unzureichenden Proviantversorgung länger auszuharren, bitten sie um die Veranlassung, dass sie eine neue Bestallung erhalten, die sie anderen Reitern gleichstellt, sowie um den Vollzug der Beschlüsse des RT bezüglich der Reiter in Ungarn.
Beilage [2]: Schreiben der Obersten und Befehlshaber des deutschen Reiterkontingents vor Gran an den Ks. (Feldlager vor Gran, 8. 7. 1594)4, unterzeichnet von den Obersten und Befehlshabern: Erfahren, dass der Ks. über die derzeitige Kriegssituation sowie die am 28. 6. erfolgte ‚Veränderung‘ des Feldlagers vor Gran informiert worden ist. Dennoch geben auch sie dem Ks. pflichtgemäß ihre Stellungnahme zum Abzug vor Gran in beiliegender Protestation zu erkennen, verbunden mit der Bitte, diese nicht anders zu verstehen, als dem Kriegswesen und dem Vaterland zum Besten gemeint.
Beilage [3]: Protest der Obersten und Befehlshaber vor Generaloberst Ehg. Matthias gegen den Abbruch der Belagerung Grans (Feldlager vor Gran, 6. 7. {26. 6.} 1594)5, beglaubigt und besiegelt von den unterzeichnenden Befehlshabern Hg. Franz II. von Sachsen-Lauenburg, Hg. August I. von Braunschweig-Lüneburg, Gf. Sebastian von Schlick, Wigand Maltzan, Hein von Pfuel und Ernst von Ahlden sowie den Rittmeistern Heinrich Czernitzky, Hans Clas Russwurm, Hans [von] Osterhausen, Melchior [von] Rottwitz und Heinrich Rottkirch: Nachdem sich bei der Vorladung vor Ehg. Matthias als ksl. Generaloberst in Ungarn am 26. 6. die Obersten Hg. Franz von Sachsen-Lauenburg, Hg. August von Braunschweig-Lüneburg, Gf. Sebastian von Schlick und Wigand Maltzan geweigert haben, ohne Einbeziehung der anderen Befehlshaber eine Stellungnahme zum Beschluss des Ehg. abzugeben, die Belagerung der Festung Gran abzubrechen, sind am 27. 6. neben den genannten Befehlshabern auch Oberst Hein von Pfuel, Leutnant Ernst von Ahlden, die Rittmeister Heinrich Czernitzky, Hans Clas Russwurm, Hans [von] Osterhausen, Melchior [von] Rottwitz und Heinrich Rottkirch sowie die Obersten der Fußknechte vor den Ehg. berufen worden. Vortrag für den Ehg. durch [David] Ungnad, Präsident des ksl. HKR: Der Feind ist mit einem großen Aufgebot im Anmarsch, um sie im Lager vor Gran anzugreifen. Das eigene Heer liegt hier an einem nicht gesicherten Ort, auch sind von den Söldnern während der bisherigen Belagerung viele gefallen, andere an Krankheiten verstorben. Bei einem Erfolg des von Oberstwesir Sinan Pascha angekündigten Angriffs auf das vor Gran liegende Heer wären Ungarn, Österreich und Mähren, vielleicht auch Böhmen und Schlesien verloren. Deshalb hat der Ehg. beschlossen, von Gran abzuziehen und an einem sicheren Ort zu lagern. Antwort für die Befehlshaber: Sind höchst befremdet, dass der Ehg. Gran so leichtfertig verlassen will, weil die belagerten Türken es infolge Lebensmittelmangels und der stetigen Beschießung bald aufgeben müssten. Man kann dem Feind keinerlei Abbruch tun, wenn man Gran, auf dessen Eroberung der Erfolg des gesamten Kriegszugs beruht, nicht einnimmt. Der nach den Niederlagen in diesem und im vergangenen Jahr demoralisierte Feind würde mit dem plötzlichen Rückzug gestärkt und ermutigt. Der Abzug könnte Persien zum Friedensschluss mit den Türken veranlassen, Siebenbürgen, Moskau und Polen aber zum Abfall vom Bündnis mit dem Ks. Der Rückzug ist ohne Vorwissen des Ks. und der Reichsstände nicht zu verantworten und würde sich negativ auf die Bereitschaft Letzterer zu Türkenhilfen auswirken. Kritisieren ihre zu späte Einbeziehung in den Entscheidungsprozess, nachdem man bereits beschlossen hat, das Geschütz zu entfernen und den Abzug anzuordnen. Können dafür keine Verantwortung übernehmen: Sind zwar in den ksl. Bestallungsbriefen an den Ehg. als obersten Feldherrn gewiesen, protestieren aber hiermit gegen den ohne ihre Zustimmung erfolgten Abzug und verwahren sich, dass sie gegen Gott, Ks., Reich und Jedermann entschuldigt sind. Replik für den Ehg.: Man beabsichtigt nicht, Gran gänzlich aufzugeben, sondern will nur über die Donau zurückrücken, um mit der Einnahme des Ortes Gockern6von dort aus einen besseren Zugriff auf Gran zu haben. Erwiderung der Befehlshaber: Es wäre besser gewesen, Gockern vor Beginn der Belagerung einzunehmen. Bezweifeln die bessere strategische Lage, beharren auf ihrem Protest und bitten, mit dem noch kampfbereiten Kontingent die Türken anzugreifen. Anschließend haben sich viele vornehme Ungarn bei den Befehlshabern gegen den überstürzten Abzug beschwert und gebeten, die Pläne zu ändern, was aber nicht möglich war. Noch am Abend des 27. 6. wurde der Abzugsplan für das Heer über die Schiffbrücke übergeben, am Dienstag [28. 6.] erfolgte der Abzug, ein Angriff auf Gockern unterblieb bis heute [6. 7.]. Bei den Beratungen mit dem Ehg. waren als dessen Räte anwesend: Gf. Ferdinand von Hardegg, Niklas Pállfy, Präsident [des HKR] David Ungnad, Erasmus Braun, Oberst zu Komorn.
Beilage [4]: Aussage von gefangenen Türken am 5. 7. 1594 im Feldlager vor Gran7: Aussagen zur türkischen Truppenstärke sowie den strategischen Absichten Sinan Paschas und anderer türkischer Befehlshaber.
KR am 3. 8.8: Verlesung des Konz. für das Antwortschreiben zur Supplikation. Beschluss: Billigung.
Antwortschreiben der Reichsstände an die Obersten und Befehlsleute vor Gran (Regensburg, 2. 8. 1594)9, unterzeichnet von den Reichsständen beim RT: Haben die Bitte im Schreiben vom 8. 7. 1594 vernommen und verweisen dazu auf die Hilfsbewilligung für den Ks. beim RT. Sie erwarten, der Ks. werde mit dieser Hilfe das Kriegswesen in gute Ordnung bringen, und fordern die Obersten auf, sich, wie es redlichen deutschen Kriegsleuten ansteht, so zu verhalten, dass dies gegenüber Ks. und Reichsständen sowie allen fremden Nationen ruhmreich ist und den türkischen Erbfeind abschreckt.