Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Bitte, in der Magdeburger Sessionsfrage keinerlei Zugeständnisse zu machen und den Religionsfrieden zu wahren.

Datum: Starnberg, 24. 7. 1594.

HStA München, KÄA 3232, fol. 454–456 (Kop. Dorsv.:Ier Dlt. wolten, dz dise abschrifft nit verlegt wurde, dann man in der eil khein anndere copi davon behalten khunden. 24. Julii.) = Textvorlage.

Druck: Stieve, Wittelsbacher-Briefe II, Nr. 54 S. 160–162. Knapper Auszug bei Stieve, Politik I, 238 f. Referat: Aretin, Geschichte I, 436; Schreiber, Geschichte, 262.

/454/ An den Ks.: Er, der Hg., kann den RT nicht persönlich besuchen, er hofft aber, dz es darinnen recht zuegehe und erstlich und vor allen dinngen die ehr Gottes befurdert und dann auch euer Mt. sovil muglich willfarth und derselben guett kaiserlich lob erhalten werde.Er vernimmt nun zu seinem Bedauern die Debatte um die Magdeburger Session1. Er erinnert die diesbezüglichen Vorfälle beim RT 15822, und das dise practic3 auf vilen anndern reichstegen auf der pan gewest, euer Mt. aber und anndere iere lobliche vorfharen wie auch die catholische stend haben sich alle zeit ierer schuldigkheit nach starckh darwider gesetzt und bisher darinn meines wissens nichts vergeben./454 f./ Insbesondere Ks. Ferdinand I. hat sich trotz der damaligen Türkengefahr dabei ausgezeichnet und sich /454’/ mehr als ainen staffl4 in dem himmel damit gebaut.

Mich dunckht, genedigister herr, euer Mt. khunden da gar nit fehlen, wann sie nur auf dem alten weeg und clarem buchstaben und verstand des religionfriedens (dene sie dann pflicht und gewissens halber auffs eüsserist hanndtzuhaben schuldig) bestendig und ernstlich verbleiben. So khunden sich euer Mt. auf die catholische stend sicher und gwiß verlassen, dz sy derselben disfalls treulich beystehen werden, wie nit weniger auch anndere christliche und hohe potentaten, als mier gar nit zweifelt. Dann sy wissen sambtlich wol, verstehen und erfharen auch wol, was dem religion friden gemes oder zuwider sey und was man gegen dem hechsten Gott und richter wie auch der posteritet (auf welche baide euer Mt. zuvorderst ohn allen zweifl sorgfeltig wachen und sehen) thuen solle und verantwortten khünde. Zu dem so haben die catholischen iustam causam, die ketzer aber iniustissimam.

Euer Mt. waiß auch und erfhart es, wie treulich und gehorsam ier die catholischen zuegethan seind, wie eufferig sy es mainen und wie vernunfftige, guethertzige leuth undter denselben seind. Welche, da sy sollen gelassen oder sich ierer nit haiß angenommen wellen werden, ohn zweifl auch villeicht gantz /455/ billich tentiert und bewegt mechten werden, ier gehorsamiste lieb und treu gegen euer Mt. nit alle zeit so eifferig scheinen zelassen, als wann sy von euer Mt. ain kaiserlichen gewisen trost hetten. Es wurde mier auch meines thails nit allain umb das gemain wesen, die religion und das vatterlanndt, sonnder gewislich auch umb euer Mt. und derselben bisher alle zeit gehabten hohen kaiserlichen guetten namen von hertzen laid sein, wann sich euer Mt. yetzt wurden bewegen oder schreckhen lassen. Und khundten sich euer Mt. in khain gewissere unrhue und laberint selbs steckhen und disen unverschambten und vermessnen leuthen mehr gelegenheit zu teglichem anlauff und vilen molestiis einraumen, als wann sie ainmal was thetten oder nachgeben, ja auch nur temporisierten, geschweigens bewilligten, dardurch der religion frid geschwecht, noch mehr disputierlich gemacht und also disen unrhueigen leuthen etwas eingeraumbt wurde, so sy doch bisher, Gott lob, sunst noch nie erhalten khunden und, ob Gott will, nit erhalten werden noch sollen. Wie mier dann warlich das concept des scheins, den euer Mt. den magdeburgischen geben wolten5, nit anderst furkhommen khan (euer Mt. wollen es im bessten von mier auffnemmen).

Euer Mt. seind ain beruembter, /455’/ hochverstendiger herr und kaiser. Ich bitte sie aber dannoch als dero getreuer und recht wol mainender gehorsamister vetter und diener durch Gott, sie wellen dannoch wol aufsehen und sich der listigen, bösen leuth nit einnemmen lassen, dann ier praeceptor, a quo dependunt, nit feyrt. Euer Mt. halten sich, wie bisher loblich geschehen, zu ieren rechten kindern und die intentionem fundatam vor inen haben. Euer Mt. volgen den catholischen chur- und fursten; sy werden derselben treulich beystehen und sie nit anfhueren. Und haben euer Mt. alles desto leichter zutragen. Euer Mt. gebrauchen sich ieres kaiserlichen gewallts und authoritet und lassen Gott den allmechtigen alsdann walten. Dann es letstlich ye besser, euer Mt. offendieren ainen protestierenden fursten oder villeicht nur seine ministros, ja auch alle protestierende (im fhal sy sich, das doch nit bald zuglauben, an annder[!] henngen wolten) als alle catholische in gemain, zuvorderst aber Gott den herrn. Dann euer Mt. ist vil mehr an disen als den anndern, auch mehr an Gott als an der wellt gelegen. Ich hoffet aber, es sollen nit alle protestierende aines sinnes sein (wie es dann sonst ier gewonhait nit allzeit ist), sonnder ier etlich ruewigere wol zuvermugen sein, es disfalls mit euer Mt. zuhalten./455’ f./ Hg. will dies und anderes dem Ks. nach Möglichkeit persönlich mündlich darlegen und bittet, dieses sein schriftliches Vorbringen6 /456/ so guett und gnedigist von mier aufzenemmen, so treulich und gehorsamblich es von mier gemaint ist.

Schlussformel. Datum o. O. [Starnberg], 24. 7. 1594.

Anmerkungen

1
 Das Schreiben wurde veranlasst von einer Empfehlung Hg. Maximilians im Bericht vom 20. 7. 1594 zu den Verhandlungen der katholischen Stände und der bayerischen Räte wegen der Magdeburger Session (vgl. Nr. 242, Abschnitt A und B). Hg. Wilhelm lobte daraufhin in der Weisung vom 23. 7. 1594 (Starnberg) Maximilian und die Gesandten, /451/ das sie inen die magdeburgische handlung so eyferig lassen angelegen sein,empfahl eine nochmalige Initiative mittels einer mündlichen Vorsprache der führenden katholischen Stände beim Ks. und legte sein [obiges] eigenhd. Schreiben an den Ks. bei, das Maximilian diesem übergeben und dabei ebenfalls mündlich von einem Entgegenkommen an Magdeburg abraten sollte. Daneben fügte der Hg. ein Schreiben an Kardinallegat Madruzzo an und kritisierte, dass dieser /451’/ so khalt darin gehet(HStA München, KÄA 3232, fol. 451–452’. Or. Vgl. Stieve, Politik I, 239 mit Anm. 5). Dem Schreiben an Madruzzo gab der Hg. obiges an den Ks. bei und ermahnte ihn, im Interesse der katholischen Religion beim Ks. und dessen Räten entschlossen mit der Autorität des Heiligen Stuhls gegen das Dekret für Magdeburg zu intervenieren (Starnberg, 24. 7. 1594: HStA München, KÄA 3232, fol. 453; lat. Kop. Vgl. Stieve, Politik I, 239, Anm. 1).
2
 Vgl. Anm. 17 bei Nr. 329.
3
 Hier wohl Bezugnahme auf die Freistellungsdebatte im Zusammenhang mit dem Sessionsrecht protestantischer Hochstiftsadministratoren.
4
 = Stufe.
5
 Vgl. die Endfassung des Dekrets für die Magdeburger Gesandten [Nr. 347], dort Fassung D.
6
 Hg. Maximilian wollte das eigenhd. Schreiben seines Vaters dem Ks. übergeben, wenngleich die Magdeburger Angelegenheit zwischenzeitlich /461/ in aliis terminis.Zudem wollte er den Ks. mündlich bitten, dass mit der Regelung des Sessionsstreits den katholischen Ständen khein praeiuditium ervolge.Auch sollten die bayerischen Gesandten die katholischen Stände zur Bitte an den Ks. veranlassen, /461’/ ain declaration des jenigen decrets, welliches sy[= ksl. Mt.] den magdenburgischen sollen gegeben haben[Nr. 347], zuerhalten und heraus zubrüngen, das dises den catholischen khönfftig ohne alles praeiuditium, nachtl unnd abbruch sein solle, so wol in possessorio als petitorio. Befind ich, das diß werckh yetz niemand von catholischen mehr anregt, sondern so wol der legat unnd die nuntii alle stillschweigen. Müssen allein euer Dlt. reth die sachen dahin brüngen(Bericht an Hg. Wilhelm V. vom 26. 7. 1594: HStA München, KÄA 3232, fol. 461–463’, hier 461 f. Or. Vgl. Stieve, Politik I, 240 mit Anm. 1). Zu weiteren Initiativen Bayerns vgl. Anm. 3 bei Nr. 243.