Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Vorrangige Beratung des 1. HA (Türkenhilfe). Ablehnung eines interkurialen Ausschusses zum 1. HA durch KR.

/1/ (Vormittag, 7 Uhr) Kurfürstenrat (Mainz, Trier, Köln, Sachsen mit Administrator Friedrich Wilhelm persönlich. Pfalz: Vertretung der Session durch Fabian von Dohna; Brandenburg: Vertretung der Session durch Gf. Wolfgang Ernst von Stolberg).

Mainz (Kanzler Wolf von Rosenbach) proponiert: /1 f./ Gemäß der Proposition und dem zusätzlichen mündlichen Vorbringen bei der RT-Eröffnung erachtet der Ks., dass der 1. HA (Türkenhilfe) /1’/ auch am ersten zuberathschlagen sein solle. Hab er es hiermit erinnern wollen, zubedencken, wie der modus antzustellen und welcher punct am ersten furtzunehmen, damit solches den anndern stenden eroffnett werden möge.

/2/ Umfrage. Trier (Votum durch Dr. Johann Simon Senheim): Beratungsabfolge wie in der Proposition, denn der Ks. habe es also angedeuttet, periculum sey in mora und der gantzen christenheit daran gelegen. Sein kfl. Gn. stellen es dahin, ob solches den andern stenden referirt werden soll, sich in consultatione darauff zuertzeigen.

Köln (Votum durch Dr. Dietrich Biesterfeld): /2 f./ Vorrangige Beratung der Türkenhilfe mit Argumenten wie Trier. /2’/ Sein kfl. Gn. verstehen solches zu gemeiner christenheit nodturfft gemeint, und seindt auch dartzu geneigt; sowohl, das man solches altem brauch nach dem fursten- und der stedte rath anmelden laße.

Pfalz (Votum durch Dr. Culmann): Lassen es zum Beratungsverfahren bei deme bleiben, wie es im churfursten rath herkommena. Können sich mit den andern churfursten vorgleichen, das der ksl. Mt. hierinne willfaret werde. Die anderen vota werden sonndertzweifel wie die vorhergehenden gefallen. Solches und wie man zuprocediren bedacht, soltte im fursten- und der stedte rath antzutzeigen sein, damit sie sich vorgleichen und keine anndere punct tractiren möchten.

/3/ Sachsen (Votum durch A. Bock1): Administrator betont seine persönliche Anreise zum RT trotz dagegen sprechender Gründe. Zum Verfahren: Wie Trier, Köln und Pfalz, das der erste punct auch am ersten zuberathschlagen sein soltte.Entsprechende Unterrichtung von FR und SR.

Brandenburg (Votum durch Dr. Barth): /3 f./ Der Kf. bedauert, dass er trotz der ksl. Bitte den RT aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustands nicht persönlich besuchen kann. Hat sich beim Ks. und den Kff. entschuldigen lassen. /3’/ Und weil es des turcken halben in Ungern zu offenem kriege gerathen, sey dieses in guthe acht zunehmen und der ksl. Mt. vor ihre fursorge unnderthenigst danck zusagen. Do auch sein kfl. Gn. zu solchem wergk etwas nutzliches zuthuen wüsten, soltte an derselben nichts erwinden./3’ f./ Kennen die ksl. Proposition, haben die jetzigen Voten dazu angehört und befürworten demnach, dass dem Ks. /4/ zuwillfahren, der erste punct in der proposition am ersten furgenommen, der gewönliche stylus und ordnung zuhalten und dem fursten- und der stedte rath solches antzutzeigen sein, damit dieselben nicht einen andern punct furnehmen möchten.

Mainz: Konstatiert einhellige Stellungnahme dahingehend, den ersten punct anfengklich vor allen anndern furtzunehmen, weil daran gemeiner wolfartt zum höchsten gelegen. Sein kfl. Gn. seindt gleichergestaldt dieser meinung.Der Beschluss soll FR und SR referiert werden.

/4’/ Die Kanzler von Mainz und Pfalz teilen den Beschluss FRbund SR mit.

Anschließend erscheinen sie um 10 Uhr wieder im KR und berichten: FR hat zum Verhandlungsverfahren noch keinen Beschluss gefasst, weil die dortige Umfrage wegen des vielfaltigen protestirens etc. mit den votis nicht halb herumb2,sagt aber spätere Erklärung zu.

Beschluss des KR: Vertagung bis 14 Uhr nachmittags.

/5/ (Nachmittag, 14 Uhr, aber weitere Verzögerung bis fast 16 Uhr) Kurfürstenrat (Besetzung wie am Vormittag). Die Kanzler von Mainz und Pfalz referieren die Erklärung einer Abordnung des FR: Schließt sich KR darin an, den 1. HA (Türkenhilfe) vorrangig als ersten Punkt zu beraten. Erinnern aber daneben, es sey vor alters herkommen, das dergleichen articul von churfursten, fursten und stenden zugleich tractirt wordenc, und vorsehen sich, die churfursten werden zufrieden sein, das dieser erste articul von der turckenhülff in einem solchen ausschus deliberirt und beschloßen werde.

SR hat zu den Beschlüssen von KR und FR zunächst noch keine Antwort referiert. /5’/ Endtlich habe der syndicus alhier zu Regenßburg3 berichtetd, der maintzische secretarius Peter Kraich hette den stedten vormeldet, das man ihnen ettwas antzutzeigen. Nun befünden sie aus den vorigen reichßtags hendeln und prothocollen, das wegen des churfurstenraths ihnen alletzeit der maintzische cantzler und secretarius zugleich die antzeige gethane. Derwegen sey inen bedencklich, aus dem herbringen zuschreitten und ettwas neues einführen zulaßen. Do man nun den stedten etwas zuvormelden hette, wolte er solches sie berichten4.

Daraufhin wird dem Syndikus der Stadt Regensburgfim Beisein der Verordneten des FR der Beschluss von KR und FR zur vorrangigen Beratung des 1. HA (Türkenhilfe) mitgeteilt.

Kurfürstenrat. 1. Umfrage [zur Forderung des FR nach einem interkurialen Ausschuss].

Trier (Kf. persönlich): Getrennte Beratung in KR und FR.

/6/ Köln (Kf. persönlich): Beratung in getrennten Kurien.

Pfalz: Die Forderung des FR nach einem interkurialen Ausschuss wurde auf früheren RTT stets abgelehnt. Die churfursten haben alletzeit ihren sonderlichen rath gehaltten. Derwegen laßen sie es bei dem altten herkommen bewenden.Daneben: Anhörung des Referats des SR.

Sachsen: Der Administrator ist entschlossen, keine neuerung /6’/ einführen zulaßen. Das kfl. collegium habe wegen deßelben praeeminentz jedertzeit abgesondert rath gehalten.Deshalb Ablehnung der Forderung wie auf früheren RTT. Daneben Anhörung des SR.

Brandenburg: KR ist auf die Forderung des FR bisher nicht eingegangen, sondern sey bei deßelben praeeminentz und abgesondertem rath geblieben. Was von des furstenraths ausschus itzo gesucht worden, hette es seine mas, weil man noch in praeparatoriis sey. Do aber kunfftig in andern sachen dergleichen solte gesucht werden, sey es zuthuen bedencklich, sonndern ihre vota soltten /7/ dem herkommen nach referirt und correferirt werden; und der stedte suchen antzuhören sein.

Mainz: Ablehnung der Forderung, den KR habe seine sonnderliche praeeminentz.Zum Vorbringen des SR: Der churfurstenrath habe macht, die vota im fursten- und der stedte rath zu referiren und correferiren, und es sey alletzeit bei dem kfl. rathschluß gelaßen wordeng.

Die Kanzler von Mainz und Pfalz teilen die Ablehnung des interkurialen Ausschusses einer Abordnung des FR mit. Anschließend berichten sie im KR: FR hat furgewendet, /7’/ hder furstenrath wehre hiebevorn uff den reichstagen in etzlichen artickeln mit eingetretten–h.Dennoch jetzt Billigung der Beratung in getrennten Kurien, aber mit dem Vorbehalt, es sollte solches ihnen nicht praejudicirlich sein.

Erwiderung für KR, das man sich des von ihnen angetzogenen herkommens nicht zuerinnern wiße.

Mainz proponiert: Aufnahme der Beratung zum 1. HA (Türkenhilfe). Nochmalige Verlesung des HA aus der Proposition oder sofortige Beratung?

2. Umfrage. Trier: /7’ f./ Lediglich Verlesung der ksl. Petition aus der Proposition ohne die vorausgehenden weitläufigen Ausführungen; Aufnahme der Beratung morgen.

/8/ Köln: Verlesung entsprechend Trier. Der Kf. wünscht leicht verzögerte Beratungsaufnahme, da er den 1. HA noch nicht einsehen konnte.

Pfalz: Haben erst gestern Abschrift der Proposition erhalten und sie dem Kf. geschickt, sie aber bisher mit ihrer Instruktion nicht /8’/ conferiren können. Derwegen sie nicht gefast, in der consultation fortzuschreitten. Wollen es aber befödern[!], so baldt wieder zu rath angesagt wirdt, das an inen kein mangel erscheine.

Sachsen: Lediglich Verlesung der Petition aus der Proposition. Beratungsaufnahme morgen Vormittag.

Brandenburg: Verlesung wie Sachsen. Beratungsaufnahme: Das haubtwergk sey gros, schwer und wichtig. Sie haben die proposition der nodturfft nach noch zur zeit nicht vorlesen, /9/ die beilagen seindt weitleufftig. Zur consultation solte ein par tage anstandt gegeben werden5. Wolten die ksl. Mt., chur- und fursten nicht gerne zur ungelegenheit aufhaltten. Stellen es zu der andern bedencken.

Mainz: Verlesung nur der Petition. Beratungsaufnahme morgen oder übermorgen. Sollen bis dahin an den KR gerichtete Supplikationen beraten werden?

/9–10’/ 3. Umfrage. Beschluss gemäß Votum Trier, Köln, Pfalz und Sachsen: Aufschub der Beratung zum 1. HA (Türkenhilfe) bis übermorgeni. Eine vorgezogene Vorlage von Supplikationen wird abgelehnt, da die Gesandten für die Erörterung der Türkenhilfe benötigt werden (Trier, Köln) und sie erst nach dem 1. HA zur Sprache kommen sollen (Köln, Pfalz, Sachsen, Brandenburg). Mainz betont, die allein im KR vorzulegenden Supplikationen /10’/ köntten ungeferlich in 1½ stunden berathschlaget werden. Und sey diß wolmeinlich erinnert worden.

Anmerkungen

a
 herkommen] Kurmainz (fol. 15’) zusätzlich: Werdt Meintz daßelb zuobservirn wissen.
1
 Im Protokoll werden als weitere anwesende Gesandte neben Bock genannt: von Wildenfels, Dr. Peiffer, Dr. Gerstenberger, Ponickau, Wolfersdorf, Ende, Dr. Mosbach, Dr. Badehorn.
b
 FR] Kurmainz (fol. 16) differenzierter: Österreich und Salzburg als Vertretern des FR.
2
 Vgl. Augsburg, unfol. [Nr. 56].
c
 zugleich tractirt worden] Kurmainz (fol. 16) deutlicher: ein auschuß zu desto mehrer befurderung der sachengemacht worden sei.
3
 = Syndikus Dr. Johann Diemar.
d
 berichtet] Kurmainz (fol. 16) differenzierter: Bericht zur Forderung von KR und FR, SR möge zur Anhörung von deren Beschluss einen Ausschuss abordnen.
e
 gethan] Kurpfalz (fol. 2’) zusätzlich: dz sie[die Mainzer Vertreter] zu inen[SR] komen. SR hat deshalb bedenckhens gehabt, zu in herab zugehen, zu inen undt furstenraths ußschuß.
4
 Vgl. dazu auch das SR-Protokoll: Ulm, fol. 25 f. [Nr. 103].
f
 Regensburg] Kurmainz (fol. 16) zusätzlich: vor dem Sitzungszimmer des SR.
g
 worden] Kurmainz (fol. 16’) zusätzlich: Beschluss zum Vortrag des SR: Weß sich stettrath ferner werde vernemmen lassen, stünde zuerwartten. Da sonnsten in wichtigen sachen zureferirn, soltte eß bey dem altten herkommen gelassen werden, in praesentia omnium zureferirn und correferirn. Kurpfalz (fol. 3) deutlicher: Bekanntgabe von Beschlüssen an SR nur in praeparatoriisdurch dorthin abgeordnete Vertreter des KR. Da aber wichtiger sachen, sol mans beim herkomen lassen, nemblich in diesen rath fursten- undt stedtrath erfordern, referirn und correferirn.
h
–h der … eingetretten] Kurmainz (fol. 16’) deutlicher: daß eß so gar ohnbreuchlich nitt gewesen, ein gemeinen auschuß zumachen.
5
 Vgl. Bericht der Kurbrandenburger Gesandten an den Kf. vom 8. 6. (29. 5.) 1594: In der Umfrage erbitten Pfalz und Brandenburg einen Beratungsaufschub von 2 Tagen, Köln dagegen von 1 Tag. /70’/ Die ursach, warumb wir zwene tage begehret, ist die gewesen, das wier mit den gravaminibus noch zur zeit nicht haben können gefast werden, dieweil wir Sachssen gerne darbey behalten, derselbe[Kuradministrator Friedrich Wilhelm] aber oder die rethe dartzu ehe nicht, dann nechst vorschienenen sontag […] kommen seindt[vgl. Nr. 185] (GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Xx, fol. 69–74’, hier 70’. Or.; präs. Cölln/Spree, 12. 6. {2. 6.}).
i
 übermorgen] Kurmainz (fol. 17’) zusätzlich: Vereinbarung, dass inmittelst die hauptsach ein yeclicher zu berathschlagung zu ziehen, damitt ein yeder desto gefaßter erscheinen moge.