Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1556/57 bearbeitet von Josef Leeb

Verzögerung der Anreise des Kgs. zum RT wegen des böhmischen Landtags, der Unruhen in Siebenbürgen und eines türkischen Angriffs in Ungarn.

Vor den Gesandten der anwesenden Reichsstände vom kgl. Kommissar Gf. Georg von Helfenstein vorgetragen am 10. 6. 15561. Von den Reichsständen kopiert am 10./11. 6.

HStA München, KÄA 3177, fol. 46–47 (Kop. Aufschr.: Lectum Ratisponae, 10. Junii anno 56.) = Textvorlage. HStA München, K. blau 107/2b, unfol. (Kop. Aufschr.: Lectum Ratisponae, 11. Junii 1556. Dorsv.: Furtrag des kgl. commissari graff Geörgen von Helffenstains etc., der stendt rethe und gesandten, so zu dem reichstag alhie einkhomen, und dann den jenigen, so in der marggrevischen underhandlung alhie ligen etc., mundtlich anbracht und volgents auf der stendt rethe etc. begern in schriefften ubergeben, warumb die röm. kgl. Mt. auf negstverschienen ersten tag Junii alhie nit einkhomen und den angesetzten reichstag anfahen und verrichten helffen mögen. No. 1.) = [B]. HStA Stuttgart, A 262 Bü. 48, unfol. (Kop.) = [C]. Weimar, Reg. E Nr. 179, fol. 33–34 (Kop.). HStA Düsseldorf, JB II 2295, fol. 17–18’ (Kop.). GStA PK Berlin, I. HA Rep. 10 Nr. X Fasz. C, fol. 2–3 (Kop.).

/46/ Kg. Ferdinand hat seinen RT-Kommissaren, Gf. Georg von Helfenstein und Georg Illsung, im Schreiben vom 4. 6. 1556 aus Wien mitgeteilt2 : Kg. war entschlossen, den Landtag in Böhmen und die Vorbereitung des Kriegs gegen die Türken so zu befördern, dass er rechtzeitig am 1. 6. persönlich in Regensburg ankommen und den RT hätte eröffnen können. Nachdem sich aber zunächst bereits der böhmische Landtag länger als erwartet hinzog3 , hat sich anschließend wegen der Entwicklung in Ungarn der Aufbruch aus Wien weiter verzögert, da Peter Petrowitz nit allain irer Mt. land Sibenburgen zum abfall bewegt, sonnder auch mit seinem kriegs volckh unnd etlich tausent walachen fur Sibenburgen heraus geruckht unnd irer kgl. Mt. stat Rivuli Dominorum4 [!] /46’/ eingenomen unnd dann dero schloß Husst5 belegert6, das auch der Ali Bascha von Constantinopel [aus] mit turckhischen kriegs volckh in etlich tausent starckh auf Funfkirchen gezogen, daselbst er dann den dritten diß monats ankommen sollen und dahin zu sich ervordert das thurckhisch kriegs volckh, so hin und wider ann den grenitzen gelegen und one entplessung irer innhabenden bevestigungen auskommen mögen, inn willen unnd mainung, mit demselben irer Mt. schloß Zyget7 zubelegern unnd zuerobern.

Derwegen dann die eusserst notturfft ervorderte, das ir Mt. an beide ort, sovil die möglichait erlaiden mag, hilff unnd rettung thuen. Dann wo sy jetzo sonderlich one merere rettung und fursehung verruckhen solten, were leichtlichen zuerachten, was das dem vheindt fur ein hertz und irer Mt. betrangten, getreuen underthanen fur schreckhen unnd beschwerlichen abfall verursachen mechte. /44 f./ Deshalb lässt Kg. von seinen Kommissaren die Verzögerung der Anreise entschuldigen und die Zusage vorbringen, er werde sofort nach Regensburg aufbrechen, sobald im Anschluss an entsprechende Anordnungen seine Abwesenheit ohne Gefahr für die Kgrr. und Lande möglich ist.

Anmerkungen

1
  Kurmainz, pag. 3–6 [Nr. 2].
2
 Vgl. das inhaltlich obigem Referat entsprechende Schreiben des Kgs. vom 4. 6.: HHStA Wien, RK RTA 36, fol. 303a–304a’ [Foliierungsfehler]. Konz. Hd. Kirchschlager.
3
  Kg. Ferdinand war am 11. 4. 1556 aus Wien zum Landtag nach Prag abgereist und am 20. 5. 1556 von dort zurückgekehrt (vgl. Goetz, NB I/17, Nr. 120 S. 243, Anm. 2). Zum Landtag vgl. Anm.9 bei Nr. 1.
4
 = Frauenbach (ungarisch Nagybánya); Baia Mare (Rumänien).
5
 = ungarisch Huszt; Chust (Ukraine).
6
 Peter Petrović (Petrovics, Petrovich; gest. Oktober 1557), 1538 Gf. von Temeschwar und Herrscher über das Banat, seit 1541 in direkten Beziehungen zu Konstantinopel stehend ( Volkmer, Fürstentum, 62 f.), war einer der von Kg. Ferdinand im Zusammenhang mit dem Abfall Siebenbürgens und der Rückführung des Johann Sigismund Szapolyai (vgl. dazu Anm.13 bei Nr. 1) als „Rebellen“ titulierten ungarisch-siebenbürgischen Adeligen. Er wurde im März 1556 vom siebenbürgischen Landtag als Statthalter Johann Sigismunds gewählt und zur Vertreibung der Habsburger ins Land berufen. Petrović zog von Lugoj (Banat) aus nach Siebenbürgen, gleichzeitig mit ihm überschritten zahlreiche Moldauer und Walachen die Grenze. Vgl. dazu und zum oben angesprochenen Kriegszug: Fessler III, 571 f.; Huber IV, 185; Jorga III, 50 f.
7
 = Szigetvár (Komitat Baranya, Ungarn). Zur erfolglosen Belagerung der Festung Sziget durch Ali Pascha, Beylerbeyi von Ofen, von Ende Mai bis Ende Juli 1556 vgl. Anm.19 bei Nr. 1.