Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Kooperation mit Calvinisten als Verstoß gegen das Gebot Gottes, die CA und die Vorrede zum Konkordienbuch. Infragestellung des Religionsfriedens durch die katholischen Stände bei einer Zusammenarbeit mit Calvinisten. Anfeindung von CA-Angehörigen durch Calvinisten.

Datum: Regensburg, 5. 6. (26. 5.) 1594.

HStA Dresden, GA Loc. 10203/2, fol. 162–163’ (Or.) = Textvorlage. HStA München, K. blau 275/1, fol. 85–88’ (Kop. Dorsv.:Dr. D. Egidii Hunnii und M. David Meiß, hofpredigern, schreiben und bedenckhen in causa societatis cum calvinianis. An herrn Friederich Wilhelm, hertzogen zu Sachsen, der Chur Sachsen administratorem. Regenspurg, 26. Maii [5. 6.]1594.) = B. GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Xx, fol. 429–433’ (Kop. Dorsv.:Copei des schreibens, so an herzogk Fridrich Wilhelmen zu Sachssen und der Chur Sachssen administratorn etc. Dr. Egidius Hunnius und Mag. David Meise wegen absonderung von den calvinisten inn religions sachen gethan. D.) = C. NLA Hannover, Cal. Br. 11 Nr. 194/I, fol. 20–22’ (Kop.). StA Marburg, 4e Nr. 1394, unfol. (Kop.). HStA Wiesbaden, Abt. 131 Nr. IVa 77, unfol. (Kop.).

Druck aus dem Jahr 1610 (mit abweichendem Datum: 24. 7. 1594):Bedenkhen Weiland Doct. Egidii Hunnii an Heren Administratorem der Chur Sachsen abgangen. Ob Ihr Fürst. Gnad. Im Reichßtag, zu Regenspurg Anno 1594 gehalten, der Caluinisten Grauamina vnderschreiben sollen oder nicht? An jezo durch ein treuherzige Euangelische Person mit einer nothwendigen erklerung in offentlichen Truck gegeben. Wer ohren hat zu hören der höre. [o. O., 1610]. Späterer Druck: Häberlin XIX, Vorrede, S. XVIII-XXII. Referiert bei Menzel, Geschichte V, 285 f.; knapp zusammengefasst bei Kossol, Reichspolitik, 61 f.

/162/ An Kuradministrator Friedrich Wilhelm von Sachsen: Nachdem heute eine Versammlung der CA-Stände in die Kurpfälzer Herberge einberufen werden soll, um die Gravamina der CA-Stände für die Übergabe an den Ks. unter Führung der Kurpfälzer Gesandten inn ein commune scriptum zufassen, doch dz darbeneben inen eine protestation werde zugestellet, dz hiemit ire calvinische lehre nicht approbirt, gebilliget oder gut gehaissen werde1, so haben wir unnsers tragenden ambts und gewissens halben nicht umbgehen können, eurer f. Gn., als nach welcher exempl sich andere inn diser schweren sach gewißlich reguliren werden, disfals unnser chrisstlich bedencken zueröffnen; underthenigist und umb Gottes willen bittende, solches anderst nicht, als christlich unnd guett von uns gemeinet, inn gnaden zuvermercken.

Sie, die Verfasser, wissen, dass auch der Schwiegervater des Kuradministrators, Pfgf. Philipp Ludwig von Neuburg, durchaus diser mainunge sey, dieweil einmal reichskundig, was fur irrthumb unnd greuel hinder der calvinischen lehre steckhen unnd wie dieselben dem allein seligmachenden wortte Gottes, auch der christlichen augspurgischen confession handgreifflich zu wieder2, das man demnach viel mehr ipso facto als nuda protestatione von inen inn disem wercke sich zu separiren schuldig; allermeist aus folgenden grunden unnd ursachen:

/162’/ Dann erstlich ist mennigclich unverborgen, wie Gott in seinem wort befihlet, solche lehr und derselben öffentliche vertheidiger re et facto zu fliehen und inn glaubens sachen auch ab omni specie huiusmodi consotiationis sich zuhueten, wie disfals des heiligen geistes zeugnussen, psalm 26 und 139, rom. 16, 2 cor. 6 und anderswo mehr zubefinden3, unnd den frommen königen inn Juda, Josaphat und Josia, hoch verwisen wirdt, dz sy mit denen, so irer religion nicht zugethan, zuviel correspondentz gehalten und sy inn bundtnus auf- und angenommen4.

Wie könte man auch mit gutem gewissen nachsehen, dz sich die calvinisten sub eiusdem scripti titulo5 fur stende der augspurgischen confession dargeben, so doch sy derselben nicht nur inn einem oder zween, sondern per accumulationem errorum nunmehr in sechs oder siben articulis offenbarlich zuwider. Welches wir im fall der not mit unwidersprechlichem grundt zuerweisen erböttig.

Dieweil auch ksl. Mt. und den papistischen stendena unverborgen, mit was ungrundt sich die calvinisten der augspurgischen confession bis an jetzo geruhmet, wurde furwar unsers thaills stende bey den papissten fast verweißlich fallen, da man die calvinisten in societatem augustanae confessionis admittirn und zulassen wolte. Derogestalt auch ein solch scriptum bei ksl. Mt. gewißlich desto weniger außrichten unnd inn andern furfallendenb casibus vil gutes hindern und zuruck treiben mechte. Dann sy, die papisten, desto weniger, den religions frieden zu halten, sich schuldig werden erkennen, dieweil man andere verworffene secten inn die gemeinschafft augspurgischer confession und dessen darauf fundierten religion frieden ziehen wolte.

Neben dem, das solche consotiation die christliche, /163/ dem concordi buch vorgesetzte unnd von unnserer confession chur- und furssten eingewilligte, subscribirte praefation6 im werck aufhebet, dann sich hochst- und hochermelte christliche chur- und fursten in derselben praefation einig unnd allein zu der erstenc, unverenderten augspurgischen confession7 bekennen8 unnd sich dardurch von allen denen absondern, welche derselben ersten, unverenderten confession zuwider und sich allein zu der geenderten9 referirn unnd ziehen, wie heutiges tags di calvinisten thuen. Es wurden auch durch disen actum die sacramentirer inn irer gottlosen lehr trefflich gestercket, wurden sich diser handlung jetzt und zu allen kunfftigen zeitten ja[!] so hochd beruhmen, als sy sich des franckfurtischen abschiedes und naumburgischen convents und der daselbs gepflogenen handlung10 zum mercklichen vorschub irer unreinen lehre bißhero (wiewol felschlich) inn öffentlichen schrifften geruhmet unnd dardurch unwiderbringlichen schaden in der kirchen Gottes gestifftet haben.

Vill frome hertzen, welche eine manifestam separationem von diser schedlichen secten wunschen und hoffen, wurden durch dise unverhoffte consotiation höchlich betruebet, die schwachgleubigen aber nicht wenig geergert und dargegen der papissten geschrey confirmiret und bestettigt, als gehen wir luttherischen so wunderlichen mit der augspurgischen confession umb, dz wir derselbigen beynahe keinee gewißheit haben und balt selber nicht wissen, wer derselben zugethan oder nicht.

Unnd nachdem bis anhero die calvinisten unserer kirchen lehr und bekenttnus aufs greulichst ausgemacht, auch noch anf [!] vielen fromen chrissten anfeinden und verfolgen, können wir nicht sehen, mit was gewissen man nun mit und neben inen umbtretten und in religions sachen fur einen mann stehen köntte.

Derhalben, genedigster herr, wir inn underthenigkeit /163’/ nicht zweifeln, euer f. Gn. werden inn gottseliger betrachtung diser wol gegrundten motiven, besonders auch weil andere religions verwandte stennde disfals auf euer f. Gn. am meisten sehen, ir christlich gewissen wol wissen zum bessten zuverwahren und bey disem hochwichtigen werck iren bis daher gehabten ruhmwirdigen eifer gegen der reinen, unverfelschten lehre göttliches worts wider alle corruptelen und verfelschungen desselbigen nach dem hochberumbten exempl dero christlichen vorfahren zubezeugen unnd zuerweisen.

Schlussformel. Regensburg, 5. 6. (26. 5.) 1594.

Unterzeichnet von Dr. Ägidius Hunnius und Mag. David Meise, Pastor.

Anmerkungen

1
 Vgl. Nr. 184, Abschnitt B, Nr. 185. Gemäß Bericht der Gesandten für Pommern-Wolgast an Hg. Bogislaw XIII. vom 27. 6. (17. 6.) 1594 war eines der Motive im Streit um die divergierenden Konzepte für die Gravamina, dass die Kurpfälzer Gesandten /207/ dadurch die calvinische secten mit unter die augspurgische confession ziehen wollen, welcheß dan die sechsischen theologen nicht zuzulassen, /208/ inmaßen euer f. Gn. auß beigelegter ihrer supplication zuvornehmen, gepeten(AP Stettin, AKS I/205, pag. 207–212, hier 207 f. Or.).
2
 Gf. Johann VI. von Nassau forderte im Schreiben an Gf. Wolfgang Ernst von Isenburg vom 3. 7. 1594 (23. 6.; Dillenburg) unter Bezugnahme auf diese giefftigeStellungnahme des Hunnius eine entschlossenere Haltung der Reformierten gegen unserer widersacher fleiss und embsigkeitt:Es reiche nicht aus, wie viele glauben, wen wir den catechismum auszwendig gelehrnet,über die Religion diskutieren, die Predigt hören, die Schrift lesen und Almosen geben (Groen van Prinsterer, Archives II/1, Nr. CXVI S. 268–274, Zitate 271, 272. Vgl. Schmidt, Grafenverein, 360 mit Anm. 161).
3
 Ps 26, Ps 139, 21 f.; Röm 16, 17–20; 2 Kor 6, 14–18.
4
 1 Kön 22, 41–51; 2 Chr 17, 2 Chr 20 (Josaphat); 2 Kön 22 f.; 2 Chr 34 f. (Josia). Vgl. Anm. 13 bei Nr. 392.
5
 = die zu übergebenden Gravamina.
a
 stenden] Fehlt in B. C wie Textvorlage.
b
 furfallenden] In B: furnehmen. C wie Textvorlage.
6
 = Vorrede zur Konkordienformel: Dingel, Konkordienformel, 1198 f.
c
 ersten] Fehlt in B. C wie Textvorlage.
7
 = die CA von 1530 (Seebass/Leppin, Confessio, 85–225).
8
 Diesbezüglich wurde auf dem RT ein Druck verbreitet: „Beweisung Das der Heydelbergischen Theologen Lehr Gottes wort, der Christlichen Augspurgischen Confession vnd derselben Apologia, auch der Concordi Anno 36 […] nicht gemeß sey […]. Gestellet Durch ein Theologum der Christlichen Augspurgischen Confession zugethan. Mit approbation der Theologischen Facultet zu Wittemberg“. Wittenberg 1594. Gegengutachten, wohl ebenfalls auf dem RT verbreitet: „Gegenbeweisung Daß die Heidelbergische Theologen Gottes wort, der Augspurgischen Confession, deroselben Apologia vnd der Concordia Anno 36 mit nichten vngemeß lehren […]. Wider die neulich zu Wittemberg gedruckte […] vnd auff ietzigem Reichstag zu Regenspurg (die Euangelische Stände zutrennen) außgesprengte vnwarhaffte Beweisung. Gestellet Durch einen Theologum der Augspurgischen Confession zugethan. Mit Approbation der Theologischen Facultet zu Heidelberg“. Heidelberg 1594.
9
 = Confessio Augustana variata secunda 1540 (Druck: Leppin, Confessio, 119–167); Confessio Augustana variata tertia 1542 (ebd., 168–218).
d
 ja so hoch] In B: fast hoch. C wie Textvorlage.
10
 Bezugnahme auf den Frankfurter Rezess 1558 (Leeb, RTA RV 1558/59, Nr.83 S. 524–531) und den Naumburger Fürstentag 1561 (vgl. Calinich, Fürstentag; Haag, Dynastie, 391 f.; Lit.).
e
 beynahe keine] In B: beynahe selbst keine. C wie Textvorlage.
f
 an] In B: in. C wie Textvorlage.