Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Absprache der ksl. Geheimen Räte mit Kurmainz wegen der Magdeburger Session: Fragliches Verhalten bei einer Magdeburger Teilnahme an der RT-Eröffnung. Ablehnung der Magdeburger RT-Teilnahme als Verletzung des Religionsfriedens durch Kurmainz. Zurückweisung der RT-Vollmachten für die Administratoren von Magdeburg und Straßburg durch die Mainzer Kanzlei. Rangstreit zwischen Österreich und Salzburg. Einbeziehung des Ebf. von Salzburg in die Magdeburger Sessionsfrage.

Einzelunterredungen

[1] (Nachmittag). Verhandlungen der ksl. RäteJohann Christoph von Hornstein und Dr. Freymon mit Kf. Wolfgang von Mainz1, mit dem anwesend sind: Domdekan [Philipp Cratz von Scharfenstein], Hofmeister [Philipp Ulner von Dieburg], Kanzler [Dr. Philipp Wolf von Rosenbach], Sekretär Kraich.

Die ksl. Räte verweisen auf das Schreiben Rudolfs II. an den Kf. vom 6. 4. 1594, mit dem er um eine Stellungnahme zur unterbliebenen RT-Einladung Mgf. Joachim Friedrichs von Brandenburg für das Erzstift Magdeburg bat, waß nemlich ire Mt. vor entschuldigung bey irer f. Gn. eingewendett und sie hinwider in gegenbericht schrifftlich verfaßen lassen2. Kf. hat die weitere Besprechung an den RT verwiesen, da die Angelegenheit wichtig und weitt aussehendt. Ks. hat nun erfahren, dass Gesandte vonn wegen gedachts marggraffen von Brandenburg alß angebnen administrators diesem reichstag beywohnen woltten3, ohnangesehen er nitt, sonnder das capitul beschrieben. Derwegen dann ir Mt. in der vorsorg stünden, wann eß zur proposition kommen und Magdeburg vonn den catholischen stenden deß fürstenraths nitt zugelassen werden soltt, eß möchte sich leichtlich zu sonnderm schimpff irer Mt. und deß gantzen Reichs ein disturbium erheben und also zum hauptwerckh nitt geringe verhinderung geberen. Ks. bittet deshalb jetzt um die Stellungnahme des Kf., wie diesem disturbio und publico scandalo zubegegnen.

Antwort des Kf. nach kurzer Unterredung mit seinen Räten, vorgetragen vom Kanzler: Bestätigt, daß ire Mt. recht und wol daran gethan, daß sie den angebnen administrator nit, sonnder das capitul beschrieben, und in deme den religion friden vor augen gehabtt. Und obwol Meinz sich nitt versehen woltt, daß die abgesanten de facto oder violenter sich eintringen soltten, yedoch und weil wol allerhandt zuvermutten, so wehre doch gantz ohnleidlich, dem religion friden zuentgegen, allen catholischen stenden zu höchstem nachteil und beschwernuß, ein solch praeiuditium einfüren zulassen, wiewol thun und laßens allerhandt hochwichtige bedenckhen bevor. Eß woltten aber ire kfl. Gn. nitt zweiffeln, eß werden ire ksl. Mt. auß hocherleüchtem, beywohnendem verstandt die mittel und wege wol an der handt haben und zufinden wissen, damitt vonn dem religion friden im wenigsten nichts gewichen oder, waß demselben und allen catholischen stenden zu nachteil gereichen möchte, zugeben oder gestatten, sonder die angebne magdeburgische dahin anweisen, sich dergleichen fürhaben und eintringens zuenthaltten. Dabey man inen, den räthen, nitt bergen könte, ob wol Dr. Meckhbach und noch ein anderer sich bey irer kfl. Gn. anwesenden räthen von wegen Magdeburg mitt gewaltt angeben, so hetten sie doch denselben nitt wöllen annemmen, sonndern so gut, sie gekönt, mitt glimpfflichen wortten abgewiesen, ob sie wol allerhandt dagegen eingefürett, welcher gestaltt ire Mt. selbst irem hern wie auch ettliche mehr catholische stende den titul alß postulirten administratorn zu Magdeburg geben und wie ein vergleichung zwüschen ire f. Gn. und kaiser Maximiliano zu Preßburg uffgericht sein solle, wann in dergleichen sachen an das capitul geschrieben, sie daßelb an gehörig ortt, id est an iren hern, verweisen solten4, und waß dergleichen mehr ist, so in dem Reichs protocoll zufinden5; welchs man aber uff ime beruhen laßen. Seitthero wehre kein ansuchens mehr vonn inen geschehen6. So hett sich auch beneben diesem ein straßburgischer gesanter7 in namen marggraff Johans Georgen zu Brandenburg alß angebnen bischoffen zu Straßburg bey dem cantzler angeben und gewaltt überliffern wöllen. Eß wehre ime aber dieser beschaidt worden, daß man von keiner beschreibung eines bischoven zu Straßburg zu diesem tag wüste, derwegen man auch von ime nichts annemmen könte8. Und alß eben die pommerische gesanten sich anzugeben auch vor deß hern cantzlers gemach erschienen und er sich zu inen begeben, hett gedachter straßburgischer gesanter solchen vermeinten gewaltt uff einen stul geworffen und sich darüber die stigen hinab gemachett. Lige also daselbst noch. Welchs man nur zur wissenschafft inen, den geheimbten räthen, nitt verhaltten wöllen.

Kf. Wolfgang persönlich wiederholt die Antwort und ergänzt, ob eß nitt ein weg wehre, daß beneben deme, waß ire ksl. Mt. mitt den angebnen magdeburgischen handleten, auch der Chur Sachsen administratorn dahin vermögtt hetten, die brandenburgische zu ruhen zuweisen.

Erwiderung der ksl. Geheimen Räte: Werden die Antwort dem Ks. referieren; ohne zweiffel, ire Mt. an irem eüssersten vermögen nichts werden erwinden laßen, wiewol ire Mt. viel lieber ein solch bedenckhen und medium gern an der handt gehabtt hetten, wie der sachen zum besten zuthun, wann sich die brandenburgische wieder versehen soltten in publico consessu eintringen9 und von den andern nit gestattet werden.Verweisen daneben auf den Rangstreit zwischen Österreich und Salzburg, in dem 1535 ein Vergleich getroffen worden sein soll10, und bitten die Mainzer Kanzlei um dessen Übergabe an sie, bevorab wie eß ettwa gehaltten sein möcht, wann Österreich oder Saltzburg in der person bey den reichstägen gewesen.

Kf. Wolfgang sagt die Nachforschung in der Kanzlei und die Übergabe zu. Wegen des Gutachtens zur Magdeburger Session will er sich mit Kf. Johann von Trier besprechen11, um sich in diesem hohem wichtigen werckh eines bedenckhens zuvergleichen und alßdann inen, den geheimen räthen, dasselb wider zueröffnen.

Welches sie ad referendum uff sich genommen.

[2] Vorsprache von zwei ksl. Geheimen Rätenbeim Ebf. von Salzburg12. Die ksl. Räte unterrichten den Ebf. über die aktuell anstehende Magdeburger Sessionsfrage. Der Ebf. hat dazu /1/ die hoffnung gehabt, er wolt ihnen, den magdenburgischen, starckh gnueg sein und die sachen wohl erhalten. Wo aber nit, /1’/ so wolte er auf den notfall andere catholische cur-, fürsten unnd stende umb hilff unnd beystandt ersuchen.

Anmerkungen

1
 Textvorlage: Kurmainz A, unfol.
2
 Vgl. zum Schreiben des Ks. an Kf. Wolfgang von Mainz vom 6. 4. 1594 sowie zur Rechtfertigung der unterbliebenen Einladung zum RT (ksl. Gesandtschaft Schleinitz) bei Mgf. (Administrator) Joachim Friedrich und dessen Reaktion: Einleitung, Kap. 3.5.1 mit Anm. 468.
3
 Der päpstliche Nuntius Speciano äußerte unzutreffend in Gesprächen mit den geistlichen Ff. und anderen, „che mi credevano che l’Intruso Maddeburgense non sperrasse di ottenere il luoco“, er werde sich aber bemühen, etwas für seinen Sohn als Administrator von Straßburg zu erreichen (Bericht Speciano an C. Aldobrandini; Regensburg, 26. 5. 1594: Pazderová, Epistulae III, Nr. 652 S. 1462 f.).
4
 Vgl. Anm. 12 bei Nr. 329.
5
 = Akkreditierungsversuch der Magdeburger Gesandten beim Mainzer Kanzler am 6. 5. gemäß Kurmainz D, unfol. [Nr. 313].
6
 Am 21. 5., einen Tag nach obiger Beratung, wandten sich die Magdeburger Gesandten mit ihrer RT-Vollmacht an Kf. Wolfgang von Mainz persönlich; dieser wies sie erneut zurück [Nr. 314].
7
 = Stephan Berchtold.
8
 Der Anmeldeversuch für Mgf. Johann Georg von Brandenburg als Administrator des Hst. Straßburg wird im Mainzer Akkreditierungsprotokoll (Kurmainz D) aufgrund der Zurückweisung der Vollmacht nicht verzeichnet. Gemäß der oben erwähnten Akkreditierung der Gesandten Pommerns erfolgte er am 7. 5. 1594. Vgl. Einleitung, Kap. 4.2.4 mit Anm. 327.
9
 = bei der RT-Eröffnung.
10
 Vgl. Anm. 14 bei Nr. 229.
11
 Vgl. Nr. 229, Absatz 1.
12
 Textvorlage: Bayern, fol. 1 f. Weitgehend identisch enthalten im Bericht Hg. Maximilians von Bayern an Hg. Wilhelm V. vom 20. 5. 1594. Demnach erfolgte die Vorsprache der ksl. Räte beim Ebf. /95/ eben heuttigs tags(HStA München, KÄA 3232, fol. 92–97’, hier 95. Or.). Dagegen nennt Bayern wohl irrtümlich den 21. 5. Vgl. Stieve, Politik I, 203 f.