Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Themen des Städtetags. Konflikt um Aachen: Problematische Differenzierung zwischen konfessionellen und politischen Komponenten. Promotoriale der Reichsstädte an Ehg. Ernst als Generalstatthalter der Niederlande. Abwarten der Erklärung des Ks. zu den Maßnahmen wegen des Exekutorialmandats gegen Aachen. Abwarten der Resolution von KR und FR zu den Aachener Beschwerden gegen Jülich.

/88’/ Städterat [Regensburg, Aachen, Köln, Ulm, Straßburg, Lübeck, Rottweil mit Vollmacht für Offenburg, Überlingen und Schwäbisch Gmünd, Worms, Memmingen, Speyer, Pfullendorf, Frankfurt, Hagenau, Colmar2].

Alltem herkommen nachawerden Themen des Städtetags vorgelegt. Verlesung des letzten Ulmer Städtetagsabschieds3und Beratung der dort angesprochenen, noch nicht erledigten Einzelpunkte.

/88’ f./ Zu den Aachener Gravamina schildert Dr. Men, der Gesandte der Stadt, die Entwicklung seit dem Städtetag 1593 mit der Appellation gegen das ksl. Endurteil und der nach wie vor anhaltenden Bedrängung durch Burgund und Jülich. Zwar wurde den Kff. die Appellation insinuiert, doch konnte man trotz schriftlicher und mündlicher Bitten noch keine Resolution erlangen4. Da nun zu befürchten steht, dass, falls die Exekution des ksl. Urteils beim RT /89/ nit suspendiert werden sollte, die statt Aach nichts gewißers dann entlichen undergang zugewartten, so hat der aachisch gebetten, inen mit hilff und rath nochmalls verholffen zu sein, damit sie doch vor ksl. Mt. oder den stenden zu personlicher verhör kommen oder die execution eingestellt werden möcht./89 f./ 2) Daneben Bitte um ein Promotoriale an Ehg. Ernst von Österreich als neuen Generalstatthalter der Niederlande, nachdem die Reichsstädte im vergangenen Jahr ein entsprechendes Schreiben an dessen Vorgänger, Gf. Peter Ernst von Mansfeld, gerichtet haben5, um Tätlichkeiten der in der Hft. Burtscheid liegenden, ungemusterten Söldner und anderweitige Übergriffe auf die Stadt zu unterbinden. 3) /89’/ Da die Bedrängung Aachens durch den Hg. von Jülich trotz der Interventionen der Reichsstädte6und des Oberrheinischen Kreises7unvermindert anhält, bittet man SR um die Zuordnung von Gesandten, um zusammen mit den Aachener Verordneten die Jülicher RT-Vertreter aufzufordern, dafür einzutreten, damit eintweder alle tetlichheit abgestellt oder die sach zu güetlichem oder rechtlichem usstrag gerathen möchte.

Umfrage. Köln: Haben sich, sovil das haubtwerckh und die religion anlangt, /90/ wie hievor zum offtern beschehen, nochmalls erclert, dz sie den lautern bevelch, sich in der aachischen religion sachen nit einzulaßen. Wover aber die andere beede puncten der promotorial und assistentz halb alls politica von der religion abgesöndert und besonders tractiert werden, wollten sie ire mainung sagen. Do man sie aber coniunctim miteinander, wie bißhero geschehen, zu tractieren gedechte, wollten sie wie zuvor auch darvon abtretten.

Köln schließen sich Rottweil für sich und mit Vollmacht für Offenburg und Schwäbisch Gmündbsowie Pfullendorf anc.

Fortsetzung der Umfrage dazu, ob die aachisch sach zu separieren und colonienses sambt irem anhang zu den politicis zu[zu]laßen etc.

Straßburg: Man sollte die sach nit trennen, sonder wie hiebevor miteinander verhandlen.

Ulm: Dieweil dz werckh miteinander uf den supplication rath kommen und /90’/ von demselben in den chur- und fürsten rath verschoben worden8, auch in der ksl. urthell dz haubtwerckh allß praeiudicialis quaestio zu anfangs gesetzt9, allso do solches erledigt, damit religion und anders gefallen und uffgehaben, dz der stende erclerung billich zuerwartten.

Gegen Straßburg und Ulm Mehrheitsbeschlussd, dz man von den puncten separatim handlen und den coloniensibus freystellen soll, ob sie ußerhalb der religion zu den uberigen puncten sitzen und darzu rathen helffen wollten oder nicht.

Bekanntgabe des Beschlusses an Köln, Rottweil und Pfullendorf, die dafür wieder in SR gerufen werden.

Umfrage. Köln: Wiederholen das vorherige Votum bezüglich der Religion; mit der fernern anzeig, sovil deren von Aach politica und beschwerden wider Burgundt oder Brabandt und wider Gülch belangt, dz von solchen sachen an ire herrn und obern nie nichts gelangt noch deßhalb einicher bestendiger bericht von jemandt zugeschickht worden. Wie sie dan auch von dem burgundischen vertrag zwischen Aach und dem hauß Burgundt10 nie nichts gewüsst, sonder anderst nit vermeint, dann es /91/ wurde denen von Aach sonst, wie inen, von Cöln, selbst beschehe11, unnachbarlich von Gülch zugesetzt. Darumb dann auch ire herrn sie hierauf nit instruieren konden, und solltens die erbarn stett darfür gewißlich hallten, do dergleichen an ire herrn und obern gelangt were, sie wurden sich hievon nit abgesöndert, sonder alles dz jhenige, waß zu erhalttung der erbarn stett reputation und politischen wesens dienlich, gethan haben und noch.Demnach Billigung des Promotoriale [an Ehg. Ernst]. Zu den Beschwerden gegen Jülich sollen zunächst die im Supplikationsrat vorgelegten Eingaben beider Seiten12verlesen werden. Falls sie etwas unverweißlich bey der sachen thun kondten, wollten sie es nit underlaßen. Dann wie ungern sie sehen, dz inen gleichmeßige beschwerden wie Aach zustüenden, so ungern wollten sie denselben etwas nachtheilligs und beschwerlichs wünschen.

Mehrheitsbeschlusse: /91 f./ Da die Hauptpunkte der Aachener Beschwerden in den allgemeinen Gravamina der CA-Stände enthalten sind13, zu denen die Erklärung des Ks. noch aussteht, während die Klagen gegen Burgund und Jülich der Supplikationsrat an KR und FR verwiesen hat14, deren Resolution abzuwarten ist, wird beschlossen, /91’/ dz denen von Aach in solchen beeden puncten ir begeren füegclich abzuleinen, mit der fürschrifft aber an ertzhertzog Ernnsten, wo sie vermainen, inen solche ersprießlich, zu willfahren sein.

Bekanntgabe des Beschlusses an den Aachener Verordneten, der sich dafür bedankt.

/91’ f./ Verlesung der weiteren Einzelpunkte des Städtetagsabschieds 1593.

Anmerkungen

1
 In der Textvorlage verschrieben: Donnerstags, den 23. Julii.
2
 Teilnehmer gemäß Umfragelisten in Speyer A, fol. 397’–399’.
a
 Alltem herkommen nach] Nürnberg (fol. 148) differenzierter: Regensburg proponiert: Demnach mitt alter herkommen und gebreuchlich gewesen, das, wo Reichs täg /148’/ gehalten worden, man zugleich von stett sachen gehandelt und tractirt.
3
 Abschied vom 9. 9. (30. 8.) 1593: StadtA Ulm, A 580, Prod. 1. Or. ISG Frankfurt, Reichssachen II 1360, fol. 3–19’. StadtA Augsburg, STTA 17, fol. 842–859’. HStA Köln, K+R A 196, fol. 4–18’. Kopp.
4
 Zu den Klagen gegen Burgund und Jülich vgl. die Aachener Supplikation [Nr. 430] sowie Beilage B zu den protestantischen Gravamina [Nr. 390]. Zur Appellation und deren Übergabe zunächst an Kurmainz und Kurpfalz vgl. die Aachener Deduktion [Nr. 380 mit Anm. 10–12] sowie die Interzessionen an KR um Anhörung zur Appellation [Nr. 383, 384]. Die Resolution des KR dazu sowie zu den Klagen gegen Burgund und Jülich erging erst am 17. 8. [Nr. 385].
5
 Schreiben des Städtetags in Ulm (9. 9. {30. 8.} 1593) an den Gf.: StadtA Ulm, A 580, Prod. 60. Konz. ISG Frankfurt, Reichssachen II 1360, fol. 64–65’. StA Augsburg, Reichsstadt Nördlingen MüB 818, Prod. 11. Kopp. Ehg. Ernst dagegen hatte während des RT auf ein Gesuch des katholischen Exilregiments hin eine Interzession an den Ks. mit der Bitte gerichtet, die Exekution gegen den amtierenden Rat nicht länger zu verzögern und den katholischen Rat zu restituieren (Antwerpen, 27. 6. 1594: HHStA Wien, RHR Decisa 3 Fasz. 1, unfol. Or. Vgl. Arndt, Reich, 198).
6
 Zuletzt Schreiben des Städtetags (Ulm, 9. 9. {30. 8.} 1593) an den Hg. von Jülich: StadtA Ulm, A 580, Prod. 58. Konz. ISG Frankfurt, Reichssachen II 1360, fol. 58–61’. StA Augsburg, Reichsstadt Nördlingen MüB 818, Prod. 9. Kopp.
7
 Interventionen des Oberrheinischen Kreises bei Jülich für Aachen gemäß KAbb vom 21. 5. (11. 5.) 1591 (HHStA Wien, MEA Oberrheinische Kreisakten 1 Fasz. 4, fol. 39–54. Kop.) und vom 21. 5. (11. 5.) 1592 (StA Marburg, 4e Nr. 3127, unfol. Kop.). Vgl. Malzan, Geschichte, 150, 153 f.; Schmitz, Verfassung, 159 f., Anm. 4; 161, Anm. 2; Ehrenpreis, Gerichtsbarkeit, 190.
b
 Offenburg und Schwäbisch Gmünd] Speyer (fol. 88) zusätzlich: Offenburg sowie Überlingen und Schwäbisch Gmünd, deren Gesandte den RT bereits verlassen haben.
c
 an] Nürnberg (fol. 149) zusätzlich: Köln, Rottweil und Pfullendorf verlassen daraufhin das Sitzungszimmer.
8
 Vgl. die Resolution des Supplikationsrats vom 1. 8. bei der Aachener Supplikation [Nr. 430].
9
 Zum Endurteil vom 27. 8. 1593 vgl. Anm. 9 bei Nr. 380.
d
 Mehrheitsbeschluss] Speyer A (fol. 398’) differenzierter: mit den Voten von Worms, Speyer, Memmingen, Frankfurt, Hagenau und Colmar.
10
 Bezugnahme auf Vertrag zwischen Aachen und Burgund vom 20. 6. 1469 (Gent) mit Betonung der obervogteilichen Rechte Karls des Kühnen von Burgund als Hg. von Brabant. Vgl. Kolewa, Reichsstadt, 43.
11
Vgl. die Kölner Supplikation gegen Jülich wegen der Lizenten [Nr. 450].
12
 Vgl. die Aachener Supplikation mit dem Jülicher Gegenbericht [Nr. 430].
e
 Mehrheitsbeschluss] Speyer A (fol. 399–400) differenzierter: Mehrheitsbeschluss in 2 Umfragen, basierend auf den Voten von Ulm und Straßburg.
13
 Vgl. Nr. 390, Punkt 4, sowie Beilage B.
14
 Wie Anm. 8.