Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Verzicht der Magdeburger Gesandten auf die Session bei der RT-Eröffnung unter Protest vorbehaltlich der Ratifizierung durch Administrator Joachim Friedrich und gegen die Zusage der nachfolgenden Klärung.

[1] /879’/ (Nachmittag)1. /879’ f./ Im Anschluss an die Beratung der evangelischen Stände bei Kurpfalz am Vormittag2finden sich die Magdeburger Gesandtenam ksl. Hofein und erklären bezüglich der Forderung des Ks. vom Vortag [um den Verzicht auf die Einnahme der Session bei der RT-Eröffnung3]: /880/ Wir wehren entlich, doch uff erbetene maß, condition, entschuldigung, bericht, entliche vorgleichung unndt uf euer f. Gn.4 resolution, doch nurt[!] dissmals, zufrieden. Welches abermahls zu großem danck und erbieten angenommen5.

[2] /222/ Im Auftrag des Ks.unterrichtet Obersthofmarschall Trautson Kuradministrator Friedrich Wilhelm von Sachsen6: Ks. hat am Vortag [31. 5.] mit den Gesandten von Kurpfalz und Kurbrandenburg fast bis 20 Uhr abends verhandelt7und dabei endlich erreicht, das vonn wegen des stiffts Magdenburg der proposition niemandt beiwohnen solle. Welches die magdenburgische gleichwol unvergrifflich verwilliget, aber sich nicht erkleren wöllen, ob sy die session auch innen[!] rhatt einstellen wöllen, sonnder haben sich erpotten, solches ann den herrn administratorn des stiffts Magdenburg referendo gelangen zu lassen unnd desselben befelchs zu erwarten.

Anmerkungen

1
 Textvorlage: Bericht der Magdeburger Gesandten an Administrator Joachim Friedrich vom 2. 6. (23. 5.) 1594: GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 873–881’, hier 879’ f. (Kop.).
2
 Nr. 182, Abschnitt A.
3
 Vgl. Nr. 320, Absatz 5.
4
 = Administrator Joachim Friedrich. Dieser hatte bis 6. 6. keine Kenntnis vom Verzicht der Gesandten, wie seine umfassende Initiative für die Behauptung der Session zeigt: 1) Schreiben an den Kf. von Brandenburg (Halle, 5. 6. {26. 5.} 1594): Beharren auf der Session auch im Interesse des Hauses Brandenburg im Straßburger Konflikt sowie in der Jülicher Nachfolge. Kf. möge Ks. anhalten, /860/ mir daß, was rechtt […] ist, wiederfahren zulassenn(GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 855–861’. Or.). Überbringung des Schreibens durch den Rat Johann von Löben (Instruktion; Halle, 5. 6. {26. 5.} 1594: Ebd., fol. 852–853’. Kop.). Der Kf. verwies in den Antworten an Löben (Zinna, 8. 6. {29. 5.} 1594: Ebd., fol. 854 f. Kop.) und Joachim Friedrich (Dresden, 13. 6. {3. 6.} 1594: Ebd., fol. 862–864. Kop.) auf den inzwischen bekannten Sessionsverzicht bei der RT-Eröffnung und die abzuwartenden Verhandlungen mit dem Ks. 2) Schreiben Joachim Friedrichs an Kuradministrator Friedrich Wilhelm von Sachsen (Halle, 6. 6. {27. 5.} 1594): Eindringliche Ermahnung, im Kampf gegen den Geistlichen Vorbehalt beim RT entschiedener aufzutreten: Man dürfe gegenüber den katholischen Ständen nicht /214/ alles verglimpfen oder mit stillschweigenübergehen: /214’/ Gutte wort seind in der weltt und sonderlich beim pabst unnd deßen anhang lautter gifft(HStA Dresden, GA Loc. 10203/4, fol. 213–214’, 221’. Or.). Der Kuradministrator rechtfertigte sich mit seinem Engagement für die Session, lehnte aber jede Debatte um den Geistlichen Vorbehalt als Infragestellung des Religionsfriedens ab. Er könne auf protestantischer Seite keine /218/ unruhige leuttunterstützen, die ihrer eigenen respect halben /218’/ eine innerliche empörung zwischen den stenden des Reichs erwegen, das bandt des frides[!] und einigkeit zureissen(ebd., fol. 215–220. Konzeptkop. GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 911–914’. Kop.). 3) Schreiben Joachim Friedrichs an den Ks. (Halle, 6. 6. {27. 5.} 1594): Ks. möge die Verzögerung der Proposition nicht /275/ meiner session sachanlasten, sondern der Gegenseite, die ihn gegen seine Rechte vom RT ausschließen wolle. Seine Gesandten sind beauftragt, /275’/ uber meinen wohlbefuegten rechten zuhaltenn(HHStA Wien, RHR Judicialia Antiqua 273/4, fol. 275–276’. Or.). 4) Schreiben an protestantische Stände beim RT mit der Bitte, seine Verordneten zu unterstützen (Halle, 6. 6. {27. 5.} 1594: HStA München, K. blau 275/1, fol. 330 f., 337’. Or. an Pfgf. Philipp Ludwig von Neuburg. HStA Stuttgart, A 262 Bd. 71, fol. 387–388’. Or. an Hg. Friedrich von Württemberg. HStA Wiesbaden, Abt. 171 R 652, unfol. Kop. an die protestantischen Gff. LHA Schwerin, RTA I GstR 31c, fol. 468–470’. Or. an die Mecklenburger Gesandten). 5) Schreiben an weitere Ff. und Städte (Halle, 11. 6. {1. 6.} 1594), als der Sessionsverzicht bereits bekannt war: Bitte um enge Kooperation mit den protestantischen Ständen, damit /2/ den wiedersachern auch mit gleichenn waffen begegnetwerden könne (NLA Hannover, Celle Br. 23 Nr. 32, fol. 1–2’. Or. an Hg. Ernst von Braunschweig-Lüneburg. LHA Schwerin, RTA I GstR 31a, fol. 173–174’. Or. an Administrator Karl von Ratzeburg. Ebd., GstR 31b, fol. 331–333’. Or. an Hg. Ulrich von Mecklenburg. StadtA Mühlhausen, 10/E 6 Nr. 11, unfol. Or.). Nach dem Sessionsverzicht, den Joachim Friedrich von den katholischen Ständen mit der Drohung erzwungen sah, den RT andernfalls ohne Steuerbewilligung zu verlassen, forderte er von Kf. Johann Georg eine entsprechend rigorose Haltung. Nur wenn /868’/ den sachen recht unter augen gangen, wurde ein schwert das andere in der scheiden behaltenn. Bei denen leuthen ist mit gute nichts unter ihrem vorgefasten trutz austzurichtenn.Abhilfe schaffe nur die Androhung der Steuerverweigerung. /869/ Warumb wolten wir mitleidtlicher der turcken hulffen halb inn /869’/ unser bescholtenen ketzerei alß die catholici sein? Kf. möge seine Gesandten anweisen, dass sie gemeinsam mit den evangelischen Ständen /871/ eben das mittell, so von papstischen gebrauchet, an die handt nehmen wollen, nemblich weder zu consultiren oder zu contribuiren, ja ghar abzutziehenn, es werde dan unsere session […] richtig und das gewißheit gemachtt wordenn, den gravaminibus /871’/ bei diesem Reichs tagk entlich abtzuhelffen(Halle, 9. 6. {30. 5.} 1594: GStA PK Berlin, I. HA GR Rep. 10 Nr. Vv, fol. 867–872’. Or.). Der Kf. lehnte die Verweigerung als /896’/ zue hartt und den sachen mehr schedlich als vortreglichab, vielmehr möge man in den Verhandlungen mit dem Ks. die Session /897/ mitt guetem glimpf und bescheidenheitteinfordern (an Joachim Friedrich; Colditz, 17. 6. {7. 6.} 1594: Ebd., fol. 896–899’. Konz.). Vgl. zur Haltung des Kf. auch Anm. 3 bei Nr. 324.
5
 Die Verhandlungen mit den Gesandten des Hauses Brandenburg um den Magdeburger Sessionsverzicht bei der RT-Eröffnung schildert zusammenfassend auch ein Eintrag im Protokoll des ksl. Geheimen Rates (HHStA Wien, RHR-Protokolle 70b, fol. 23–24).
6
 Textvorlage: Pfalz-Neuburg G, fol. 222.
7
 Nr. 320, Abschnitte 1, 2, sowie die Verhandlungen mit den Magdeburger Gesandten (ebd., Abschnitt 5).