Deutsche Reichstagsakten, Reichsversammlungen 1556 – 1662 Der Reichstag zu Regensburg 1594 bearbeitet von Josef Leeb

Die internen Verhandlungen der Religionsparteien werden in den Großkapiteln F und G anhand der Protokolle sowie von RT-Berichten chronologisch dokumentiert. In diesem Abschnitt finden sich die spezifischen Akten zu diesen Verhandlungen, die entweder deren Grundlagen bildeten oder im Resultat deren Ergebnis veranschaulichen.

Auf protestantischer Seite ist wie bei deren Verhandlungen auch für die generierten Akten die Absonderung der streng lutherischen von den calvinistischen bzw. sich nicht exakt festlegenden Ständen zu berücksichtigen, die primär bei der Genese der protestantischen Gravamina in deren Entstehungsstufen zum Ausdruck kommt: Kurpfalz und Kursachsen legten jeweils eigene, erheblich differierende Konzepte vor (Nr. 387, Nr. 389), über die trotz einer von Kurbrandenburg formulierten, vermittelnden Version (Nr. 388), die im Folgenden die Beratungsgrundlage im Religionskonvent bildete, keine Übereinkunft erzielt werden konnte. Kursachsen, Pfalz-Neuburg und einige weitere Stände unterzeichneten deshalb die Endfassung, die auf dem von Kurpfalz formulierten und durch Kurbrandenburg modifizierten Entwurf beruhte, nicht und protestierten dagegen. Um die Genese, ausgehend von den vor dem RT in Heilbronn beschlossenen und in Regensburg von Kurpfalz geringfügig umformulierten Beschwerden, im Einzelnen zu veranschaulichen1, ohne den textkritischen Apparat zu überlasten, werden neben der Endfassung auch die angesprochenen Konzepte von Kurpfalz, Kursachsen und Kurbrandenburg für die Gravamina mit weiteren dort integrierten Vor- und Zwischenstufen dokumentiert. Die Kommentierung beschränkt sich auf die Endfassung (Nr. 390). Im Anschluss daran finden sich die überwiegend im Zuge der Debatten um die Gravamina auf protestantischer Seite entstandenen Akten zu den innerkonfessionellen Differenzen mit der Absonderung der streng lutherischen Stände von den Religionsberatungen unter dem Direktorium der calvinistischen Kurpfalz und sodann die Dokumente zu den Verhandlungen mit dem Ks. nach dessen knapper Stellungnahme zu den Gravamina. Abschließend kommen Einzelbeschwerden protestantischer Stände und Städte, die zusätzlich zu den in Heilbronn formulierten Punkten erst in Regensburg vorgelegt und zum Teil in die allgemeinen Gravamina aufgenommen wurden, zum Abdruck.

Als Ergebnis der Verhandlungen auf katholischer Seite werden an erster Stelle deren Stellungnahme zu den protestantischen Gravamina, die ihnen von Ks. überstellt worden waren, nachdem 1594 wie auf den vorherigen RTT keine bilateralen Verhandlungen mit der Gegenseite stattfanden2, sowie die eigenen katholischen Beschwerden ediert. Da deren Übergabe an die Gegenseite erst kurz vor dem Abschluss des RT erfolgte, konnten die protestantischen Stände 1594 dazu nicht mehr replizieren3. Den beiden Hauptstücken folgen Einzelbeschwerden überwiegend geistlicher Stände zu protestantischen Verstößen gegen den Religionsfrieden in der katholischen Interpretation, die zum Großteil Eingang in die allgemeinen Gravamina fanden. Zuletzt werden die Denkschrift von Kardinallegat Ludovico Madruzzo zur Reform der katholischen Kirche und die Reaktion der geistlichen Reichsstände dokumentiert. Anderweitige von den katholischen Ständen kopierte Akten zur Umsetzung des ambitionierten Programms der römischen Kurie4für den RT, das auch in 18 Memoranden zum Ausdruck kam, die der Legat und Nuntius Speciano dem Ks. um den 20. 6. 1594 überreichten5, konnten abgesehen von Eingaben gegen die Session protestantischer Hochstiftsadministratoren6nicht ermittelt werden. Die begrenzte Aktenüberlieferung liegt wohl auch daran, dass Madruzzo beim RT nicht als Bf. von Trient und damit als Reichsstand auftrat, um über die Session im FR direkten Einfluss auf die dortigen Verhandlungen zu nehmen, sondern sich auf seine Rolle als päpstlicher Legat fokussierte, die ihm aufgrund der übergeordneten Stellung gegenüber den geistlichen Ff. größere Einflussmöglichkeiten auf informeller Ebene eröffnete, die er für die Realisierung der kurialen Belange zu nutzen versuchte7, sei es im Engagement gegen die Zulassung der protestantischen Administratoren oder für eine möglichst hohe Türkenhilfe.

Anmerkungen

1
 Vgl. zur Genese im Zusammenhang mit der Beratung in den Gremien der protestantischen Stände auch die Hinweise bei der Endfassung [Nr. 390].
2
 Vgl. die Vorbemerkung zu Abschnitt F.
3
 Vgl. Anm. 4 bei Nr. 407.
4
 Vgl. Einleitung, Kap. 3.1.3.
5
 Bericht Speciano an C. Aldobrandini vom 22. 6. 1594: Pazderová, Epistulae III, Nr. 671 S. 1503.
6
 Eingaben Madruzzos im Zusammenhang mit der Magdeburger Sessionsfrage [Nr. 330, 331, 351, 352].
7
 Vgl. Braun, Imagines, 347 f., 421; zur Strategie Madruzzos auch Steinhauf, Madruzzo, 110–120, bes. 113, 116 f.; insgesamt zum Wirken Madruzzos beim RT: Roberg, Türkenkrieg II, 197–213 (Bildung einer geschlossenen katholischen Front mit eher defensiver Ausrichtung in der Abwehr der protestantischen Ansprüche und Forderungen); Voltolini, Beteiligung, 314–316 (strikt kuriale Sichtweise).